Keynote
Dr. Hildegard Kurt
Liebe Freundinnen und Freunde der Pflanzen!
Es ist mir eine helle Freude, zu dieser faszinierenden Zusammenkunft beizutragen. Du weißt, lieber Paul, ich sehe in dem, was hier geschieht, eher eine »convergence«, also »Zusammenkunft« als eine »conference« – großen Dank dir fürs Ermöglichen!
Zwei Vorbemerkungen
Als Kulturwissenschaftlerin will ich versuchen, ein paar Hintergründe und Zusammenhänge zu erhellen. Wobei vorausgeschickt sei: Im Folgenden wird kaum etwas zu hören sein von all den Schlagwörtern, die derzeit den öffentlichen Diskurs beherrschen. Dieses Nichtansprechen ist, wohlgemerkt, kein Verdrängen. Sondern: Die Scheinwerfer der Öffentlichkeit sind ganz auf die Lautesten gerichtet. Die Welt der Pflanzen aber ist eine stille Welt. Und was da an ungemein Inspirierendem geschieht, gibt es, viel zu wenig beachtet, auch. Es wird hier nun im Zentrum stehen.
Zweite Vorbemerkung: Der Zeitpunkt, zu dem URBAN UTOPIA dieses realutopische Bündnis mit der Pflanzenwelt einfädelt, ist nicht irgendeiner. Danke, Paul, auch für dein Gespür dafür, wie sehr ein neues, ko-kreatives Miteinander mit Pflanzen gerade jetzt gebraucht wird.
Unterwegs zu einem »Zeitalter des Lebendigen«?
Denn inzwischen wird fast spürbar, dass unsere Spezies die Belastungsgrenzen des Planeten erreicht. Unmissverständlich zeigt das lebende System Erde gegenwärtig die rote Karte, tut kund, dass seine Toleranz, was die zutiefst ignoranten, respektlosen Praktiken der herrschenden Zivilisation angeht, aufgebraucht ist.
Vor diesem Horizont, mit ökologischen Abgründen in Sichtweite, erkennen wir derzeit, dass wir alle Mitwirkende eines atemberaubenden Geschehens sind: Das – noch – herrschende dualistische Narrativ der Moderne hat alle nicht-menschlichen Lebewesen zu Dingen degradiert, zu Ressourcen, Rohstoff, Ware. Damit die Erde, mit Bruno Latour gesprochen, »bewohnbar« bleibt, kommt es jetzt darauf an, schleunigst zu einer Weltsicht zu finden, die das geteilte Lebendigsein aller Lebewesen nicht mehr zerstört, sondern es bewusst kultiviert. Wir brauchen Lebens- und Wirtschaftsweisen, die auf Beziehungswissen und auf Beziehungskraft basieren.
In der Wissenschaft nennt man das einen »relational turn«, eine relationale Wende, die Kulturphilosophie spricht von einer neuen Aufklärung hin zu einem, in den Worten der Philosophin Corine Pelluchon, »Zeitalter des Lebendigen«.
Alles in der stillen Welt der Pflanzen ist Sprache
Und, spannend: Im Ringen um einen solcherart Zukunft stiftenden Weltbezug kommt den Pflanzen eine bedeutende Rolle zu. Denn in der neuen Biologie findet, wie wohl den meisten hier bekannt, in jüngster Zeit eine regelrechte Revolution statt. Unabweisbar inzwischen belegen Forschungen, dass Pflanzen definitiv keine »Dinge« sind, sondern »Akteure« – Wesen mit Handlungsfähigkeit, »agency«. Was indigene Kulturen seit je wissen, was viele von uns als Kind wahrgenommen haben, was in Kunst erlebbar werden kann, das bestätigt heute die Naturwissenschaft, nämlich: Alles in der stillen Welt der Pflanzen ist Sprache, nur eben nonverbal, alles ist Ausdruck von Bedeutung, ist Kommunikation. Schon großes Kino, oder?
Doch Achtung: Eine solche »agency« wirklich anzuerkennen stellt unsere Konzepte des Sozialen, des Rechtswesens, der Politik Infrage. Und, da viele Akteur:innen aus der Wirtschaft unter uns sind: Auch Pflanzen wirtschaften – ohne zu zerstören. Von daher lautet ein vorweggenommenes Fazit: So wie Paul uns als »co-creators« dieser Zusammenkunft sieht, dürfte unser aller Aufgabe gegenwärtig darin bestehen, zusammen mit den Pflanzen zu »co-creators« einer lebensdienlichen Welt zu werden.
Mit den Pflanzen atmen
Fokussieren wir kurz auf unser Atmen. Schließt dafür gerne die Augen. Atmen wir, ein, aus, ein, aus. Was wir ausatmen, atmen die Pflanzen ein, was sie ausatmen, atmen wir ein. Wir atmen mit den Pflanzen.
Was sind das für Wesen, die aus anorganischen Substanzen organische aufbauen? Dieser Prozess, die Photosynthese, widerspricht allen physikalischen Gesetzmäßigkeiten der toten Welt. Ohne die Pflanzen und das, was sie für uns tun, gäbe es uns nicht.
»Unkonventionelle Intelligenzen« werden erkennbar
Gewiss kennen viele hier das wunderbare Buch Die Lichtwandler der US-amerikanischen Wissenschaftsjournalistin Zoё Schlanger. Es widmet sich den erstaunlichen Erkenntnissen der aktuellen Pflanzenforschung. Ein ziemlich spektakuläres Beispiel für die »agency« von Pflanzen darin ist Boquila trifoliolata, eine Kletterpflanze in Südamerika. Denn um sich vor ihren Fressfeinden zu schützen, ist die Boquila-Pflanze imstande, den jeweiligen Baum oder Strauch, an dem sie sich emporschlängelt, ziemlich perfekt nachzuahmen. Wie kommt eine solche, einzigartige Mimikry an verschiedenste andere Pflanzen zustande?
Von derlei Fragen aus stellt Schlangers Buch dar, wie derzeit unter den Mikroskopen der Wissenschaftler:innen bis hinab auf die Zellebene »unkonventionelle Intelligenzen« (Michael Levin) erkennbar werden. Darin sieht die Autorin eine Hoffnung. Zitat: »In unserer weltweit so desaströsen Zeit eröffnen Pflanzen einen Blick auf eine grüne Art des Denkens.«
Ein weniger exotisches Beispiel – die Tomatenpflanze – führt Florianne Koechlin gerne an. Sie ist Chemikerin, Künstlerin u Autorin u.a. des Buchs PflanzenPalaver. Je nachdem, von wem eine Tomatenpflanze angegriffen wird, produziert sie unterschiedliche Duftstoffe, um sich zu wehren die Nachbarn zu warnen. Inzwischen sind etwa 2000 Duftstoff-Vokabeln bekannt, die Pflanzen produzieren können, um sich zu vernetzen, mit anderen Lebewesen zu kommunizieren. Koechlin war Mitglied einer Ethikkommission in der Schweiz, wo die Verfassung seit kurzem vorschreibt, dass die »Würde der Kreatur« zu achten sei.
Nicht-menschlichen Mitwesen ein Personsein zugestehen
Ja: Wenn sich zeigt, dass die lebendige Mitwelt durchdrungen ist von Fähigkeiten, die auf absichtsvolles Verhalten hindeuten, ist es nur folgerichtig, nicht-menschlichen Mitwesen ein Selbstsein, ein Personsein zuzugestehen.
Indigene Kulturen tun das seit je. Die US-amerikanische Biologin Robin Wall-Kimmerer, sie hat indigene Wurzeln, befragt in ihren Büchern bestimmte Pflanzen wie Süßgras, Moos oder die Felsenbirne nach ihren Qualitäten, die auch für uns Menschen wichtig sein können. Wall-Kimmerers Vision ist eine verwandtschaftsorientierte Gleichberechtigung, die das Personensein aller Wesen anerkennt.
Als Pionier innerhalb des westlich geprägten Mindsets veröffentlichte der US-amerikanische Jurist Christopher Stone Anfang der 1970er Jahre in einer Fachzeitschrift den Beitrag »Should trees have standing!« Dürfen Bäume vor Gericht? Warum kann sich eine Firma von Anwälten vertreten lassen, fragte Stone, nicht aber ein Berg? Heute erstarkt weltweit eine Bewegung für die Rechte der Natur, hierzulande organisiert im Netzwerk Rechte der Natur.
Und auch auf dem politischen Feld finden sich neuerdings Spuren einer, mit Zoё Schlanger gesprochen, »grünen Art des Denkens«: Es gibt Bestrebungen, eine »Earth Life Organization« als neue UN-Organisation für die Durchsetzung der Rechte der Natur zu etablieren. In Dänemark findet im September der NORDIC SUMMIT OF SPECIES – die Internationale Konferenz der Botschafterinnen der Lebewesen statt. Mit dabei übrigens eine isländische Initiative namens »glacier for president«. Hier in Berlin, auf einer zugewachsenen Brache im Wedding, liegt das Staatsgebiet der »Organismendemokratie«. Weitere solche Staatsgebiete gibt es aktuell in Augsburg und in NRW.
Initiiert wurde das von der Künstler:innengruppe Club Real. Sie will der Organismendemokratie als Regierungsform eine langfristige Perspektive schaffen. Schon bemerkenswert, wie immer wieder die Kunst als Seismograf für Kommendes gebraucht wird.
Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz
Eine Pointe bei all dem: Bekanntlich hat die Moderne seit der Aufklärung einzig und allein dem Menschen Intelligenz zuerkannt. Nun aber nötigt ausgerechnet die Königsdisziplin der Moderne, die Naturwissenschaft, zu einer so nicht erwarteten Einsicht: Offenbar sind nur oder vielmehr erst sehr begrenzte und spezifische Formen von Geist oder Bewusstsein wissenschaftlich erkennbar. Von da aus attestiert der Entwicklungsbiologe Michael Levin, und nicht nur er, dem westlich geprägten Mindset, das sich so lange als »Krone der Schöpfung« sah, »Geistesblindheit«. Das ist schon ein bisschen wie in dem Märchen Des Kaisers neue Kleider, wo ein Kind plötzlich erklärt: »Aber er hat ja gar nichts an.«
Doch liegt darin nicht auch eine Befreiung? Denn hat sich nicht lange schon in vielen von uns ab und an die Vermutung geregt, dass wir Menschen mit unserem Verhalten auf dieser Erde uns vor den anderen Lebewesen schlicht lächerlich machen?
So oder so steht nun die Frage im Raum: Wie intelligent sind wir Menschen wirklich? Oder, konkreter: Kann man die vorherrschende Wirtschaftsweise intelligent nennen? Gibt es nicht intelligentere Arten, das ökonomische Miteinander zu organisieren?
Ja, es gibt sie. Und Pflanzen, mit denen wir offenbar die gleiche verkörperte Intelligenz evolutionärer Lebensprozesse teilen, können den Weg weisen. Ihre Art des Wirtschaftens ist uneitel, selbstlos, nicht ego-getrieben. Sie sind nicht auf Profit aus, erzeugen keinen Müll, zerstören nicht ihre Mitwelt. Der Schlüssel zu solchem Erfolg dürfte sein, dass ihre »agency«, ihre Handlungsfähigkeit, ganz und gar auf Beziehungskraft, auf In-Verbindung-Sein basiert. Lassen wir uns davon inspirieren!
Es ihnen nachzutun, bedeutet ein Wirtschaften in Verbundenheit statt im Wettbewerb. Was geht. Beispiele dafür sind solidarische Wirtschaftsformen wie die Gemeinwohlökonomie, die Praxis der Solidarischen Landwirtschaft, Genossenschaften oder das Commoning, dessen Vordenkerin, die Ökonomin Elinor Oström, den Wirtschaftsnobelpreis erhielt.
Warum aber setzt das solidarische Wirtschaften sich nicht viel stärker durch? Nun könnten wir für den Rest des Tages über den Kapitalismus reden, über dessen monströse Resilienz, mit der er seit gut anderthalb Jahrhunderten allen Versuchen, ihn zu überwinden, standhält.
»Es ist leichter, sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorzustellen«, so der Kulturtheoretiker Slavoj Zizek. Zugleich aber gilt: Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, sondern eine menschliche Erfindung. Daher kann er überwunden werden!
Der Welt erlauben, sich neu als »Du« zu zeigen
Und: Es gibt einen starken Hebel für das Verwirklichen umfassend solidarischer Wirtschaftsweisen, der oft übersehen und unterschätzt wird – vielleicht, weil er in uns liegt. Oder weil er zu den »soft skills« zählt, mit denen sich nicht wirklich Geld machen lässt. Er ist ganz und gar in Reichweite!
Denn seit der Quantenphysik wissen wir: Wie ein Phänomen sich zeigt, hängt davon auf, auf welche Weise man sich ihm nähert. Wenn ich z. B. den Baum dort draußen anschaue mit der Frage, wieviel Geld er als Brennholz einbringt, ist er ein Ding, eine Ware. Wenn ich aber denselben Baum anschaue mit der Frage »was erfahre ich von dir?«, kann sich augenblicklich eine stille und dabei spektakuläre Verwandlung vollziehen: Was eben noch ein Gegenstand war, wird zu einem Gegenüber. Zu einem Du, mit dem ich in Beziehung trete.
In der Permakultur z.B. wird das praktiziert. Dort beginnt das Gestalten etwa eines Gartens mit der Frage: Garten, wer bist du? Bei einem solchen Annähern kann das jeweilige Phänomen seine Bedürfnisse und Fähigkeiten, seine Seinsweise zeigen.
Etwa zeitgleich mit den Durchbrüchen der Quantenphysik verfasste der Philosoph Martin Buber sein Hauptwerk Ich und Du. Darin erklärt er, die Moderne habe alles zu einem »Es«, einem Ding gemacht. Nun aber gehe es darum, der Welt zu erlauben, sich neu als ein »Du« zu zeigen – damit ihre Lebendigkeit, die sonst erlischt, neu erblühen kann. Wohlgemerkt: So etwas lässt sich nicht machen, sondern nur ermöglichen – und zwar kraft einer Geisteshaltung, die offen ist, fragend, lauschend, resonanzfähig.
Genau diese Geisteshaltung braucht es, um mit Pflanzen als Mitgestaltende der Welt ethische, für beide Seiten bereichernde Beziehungen einzugehen; um Wirtschaftsformen zu praktizieren, die auf Beziehungswissen und Beziehungskraft basieren.
Eine Frage der Geisteshaltung
Offen, fragend, zuhörend, resonanzfähig: Wäre eine solche Haltung nicht auch ein starker Hebel, um in politischen Debatten aus den längst nicht mehr erträglichen Polarisierungen, Verhärtungen, Konfrontationen herauszufinden? Um jenen Scheinwerfern, die nur auf die Lautesten gerichtet sind, den Stecker zu ziehen? Um mental abzurüsten?
Ja, wir ahnen: Das Ersticken des Gesprächs mit dem Lebendigen, wie in der Moderne geschehen, hat auch in der Humansphäre zu ganz viel Verhärtung, mentaler Verarmung, Verödung geführt. Kein Zufall wohl, dass dieser umfassende Beziehungsverlust gerade jetzt, da ökologische Abgründe in Sichtweite sind, auch in den politischen Arenen abgründige Schatten wirft.
Halten wir fest: Wir alle dürfen uns fähig und berufen fühlen, das verstummte Gespräch mit der lebendigen Mitwelt neu aufzunehmen, den »relationalen Weltbezug«, der jetzt überlebenswichtig ist, mit zu ermöglichen. Das geht, jederzeit und überall. Alles, was es braucht, ist eine bestimmte Geisteshaltung: offen, fragend, lauschend – auch mit dem inneren Ohr, empfänglich, resonanzfähig.
Was erfahre ich – von dir?
Eine solche Haltung will bewusst gepflegt, will kultiviert werden.
Ich selbst tue das gerne mit diesem Partner hier – einem alten, gut durchgereiften Apfel.
Doch natürlich geht das mit jedem anderen nicht-menschlichen Gegenüber genauso gut.
Probiert es mal! Und schenkt diesem Prozess ein bisschen mehr Zeit als wir jetzt haben!
Ich betrachte mein Gegenüber und frage es: Was erfahre ich – von dir?
Die Frage lautet also nicht etwa, was weiß ich über verschrumpelte Äpfel, sondern: Was erfahre ich – von dir?
Nun lausche ich mit dem inneren Ohr:
in Begegnung mit dem Apfel gehen
So viel erstmal von uns beiden.
Verwirklichen wir eine Realutopie!
Wie hat Bernhard Kegel gestern seinen Vortrag beendet? »Pflanzen werden die Welt nicht retten. Aber ohne sie werden wir es nicht schaffen.«
Nutzen wir also nun die hier sich bietende Gelegenheit!
Verwirklichen wir eine Realutopie!
Entdecken wir uns selbst gemeinsam mit den Pflanzen als »co-creators« einer lebensdienlichen, Zukunft stiftenden Welt.
Dr. Hildegard Kurt
Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Mitbegründerin des und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V. (und.Institut). Einst Pionierin in Sachen Kultur und Nachhaltigkeit, verbindet sie theoretisch wie auch in Praxisformaten den Erweiterten Kunstbegriff (Josef Beuys) mit dem Paradigma Lebendigkeit.
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